Vorwort – 1. Semester
Die Rückeroberung des Populären
Was bedeutet das „Populäre“? Populär zu sein? Ein merkwürdiges Phänomen ist die „Popularität“, die vorgeblich messbar ist und sich gleichzeitig in Szene setzt. Was ist populär und was macht Popularität aus? Und was bedeuten diese Begriffe im Zusammenhang mit Kunst und Kultur?
Diesen Fragen gehen wir in dieser Spielzeit nach, wohl wissend, dass es sich um vielschichtige Begriffe handelt: Zwischen Verführung und Missachtung, Hierarchisierung und Vermächtnis, Massenerfolg und Transgression, vom Volk ausgehend oder von einer Elite zugewiesen – das Spektrum des „Populären“ ist breit.
Doch es ist auch von einer alarmierenden Aktualität. Denn es birgt das Risiko des Populismus, der das Populäre in seinem Sinne zu nutzen weiß: Populär ist, wer Aufmerksamkeit auf sich zieht. Populär wird, wer in den sozialen Netzwerken für Klicks sorgt. Das Populäre zu instrumentalisieren heißt, eine Gesellschaft zu polarisieren, unabhängig davon, welches Lager man hinter sich zu versammeln versucht. Indem das Populär-Populistische die Komplexität von Realität maßlos vereinfacht, verbündet es sich mit Demagogie und liebäugelt mit Autoritarismus. Die Gefahr einer Politik, die solche Hebel betätigt, ist heute mehr als greifbar.
Wir sollten den Populisten das Populäre nicht überlassen. Eine unvoreingenommene Betrachtung unserer Theater- und Kinosäle, unserer Museen und Festivals widerspricht der Annahme, Kunst könne nicht auch populär sein – im ganzen Umfang des Begriffs, der sich nicht auf Zahlen und Massen reduzieren lässt. Im Gegenteil: Diese Orte sind Triebkräfte für zeitgenössische Transformationen des Populären und darauf bedacht, ein Publikum in seiner Vielfalt zu erreichen. Dies ist auch unser Anliegen, das wir in vielen Formen variieren: Mal vereinen sich Kunst und Sport, mal trifft kulturelles Erbe auf die Moderne, dann wieder befragen wir die sozialen Geografien im ländlichen und städtischen Raum.
Denn das Theater ist dem Publikum zugewandt, schenkt ihm sein Ohr und seine Aufmerksamkeit, auch um sich zum Resonanzraum für dessen Fragen und Erfahrungen zu machen. Einst als Dienst an der Öffentlichkeit verstanden, ist das subventionierte Theater heute nicht nur finanziell, sondern auch von politischen Eingriffen massiv bedroht – noch vereinzelt, aber einschneidend. Trotzdem bleibt das Theater einer der Orte, an denen man sich mit dem Populären beschäftigen kann, ohne auf Polarisierung zu setzen. Das wollen wir im Maillon mit Ihnen teilen: kluge und populäre, kritische und vergnügliche, politische und poetische – vitale und vitalisierende Kunst.
Barbara Engelhardt,
Theaterleiterin